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«Menschen mit Beeinträchtigungen sind ein enormer Reichtum für unsere Gesellschaft.»

Beda Meier ist Geschäftsführer der Valida in St. Gallen. Die Valida begleitet Menschen mit Unterstützungsbedarf in der Ausbildung, bei der Arbeit, beim Wohnen und in der Freizeit mit dem Ziel, ein selbständiges Leben zu gestalten. Im Gespräch erklärt Beda Meier, weshalb sich die Valida als soziales Unternehmen bezeichnet, wo die grössten Barrieren liegen und wie sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen näherkommen.


Porträt von Beda Meier, Geschäftsführer der Valida in St. Gallen

Beda Meier, Sie bezeichnen die Valida als «Chancen-Fabrik». Was verstehen Sie genau darunter? Zu uns kommen Menschen, die einen Unterstützungsbedarf haben und wir sind überzeugt, dass alle diese Menschen Potenzial haben und sich entwickeln können. Wir verstehen uns als diejenigen, welche diese Entwicklung unterstützen. So können beispielsweise Menschen, bei denen man annehmen würde, sie müssten in einem geschützten Rahmen arbeiten, doch den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt machen. Oder Menschen, bei denen man denkt, sie könnten nie selbstständig wohnen, gehen auf einmal den Schritt in die Selbständigkeit. Jährlich sind es rund 20 bis 30 Menschen, welche in den ersten Arbeitsmarkt wechseln und fünf Erwachsene, welche in eine selbständige Wohnform übertreten.

Das ist aber nur eine Facette der Medaille: Es ist beachtlich, welche Entwicklung die Menschen mit Unterstützungsbedarf auch intern machen können – sei es im Zuwachs von Kompetenzen oder der Übernahme von Verantwortung. Sie können sich als Hilfsgruppenleitende einbringen oder helfen, eine externe Wäscherei zu führen. Es gibt viele Wege, auf denen Entwicklung möglich ist und es ist wichtig, dass diese Menschen ihre Wünsche einbringen können, wie sie leben und arbeiten möchten.

Ein aktuelles Thema ist die Subjektfinanzierung*. Die Valida ist hier schon sehr weit und besitzt ein Alleinstellungsmerkmal: Rund die Hälfte der 90 Personen, die beim Wohnen begleitet und unterstützt werden, leben selbständig im Quartier und definieren mit einem Betreuungsvertrag, welche Leistung sie von der Valida beziehen. Sehen Sie dies als Zukunftsmodell?

Arbeiten in der Valida

Für uns ist der Kernpunkt nicht die Subjektfinanzierung, sondern die Subjektorientierung. Wir definieren uns als soziales Unternehmen und dabei steht die Kundenorientierung an oberster Stelle. Ich bin überzeugt, dass es in Zukunft wichtig ist, genau das zu tun, was Menschen mit Unterstützungsbedarf wünschen. Das ist jeweils eine Gratwanderung zwischen dem, was möglich ist und wo es Risiken gibt. Das Grundanliegen ist aber folgendes: es geht immer darum, was die Menschen mit Unterstützungsbedarf möchten. Sie haben Wünsche, Träume und Sehnsüchte wie wir alle. Als unsere Aufgabe verstehe ich, dafür zu sorgen, dass diese Wünsche und Vorstellungen möglichst selbstbestimmt umgesetzt werden können.


* Bei der Subjektfinanzierung richtet der Kanton seine Gelder nicht mehr an die Leistungsanbieter aus, sondern an die Menschen mit Beeinträchtigungen – und diese kaufen dann die Leistungen ein, die sie haben möchten.


«Wir sollten mehr Möglichkeiten schaffen, dass sich die Welten von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen begegnen.»

Welche Rahmenbedingungen braucht es dazu seitens Politik?

Wir haben heute ein sehr enges gesetzliches Korsett und eine enge Definition, wer welche Leistungen erbringen darf. Das beginnt beim Bundesgesetz, geht weiter über die IV-Gesetzgebung, die interkantonalen «Vereinbarungen über soziale Einrichtungen» bis hin zu den einzelnen Kantonen, die ihre behinderungsspezifischen Gesetzgebungen haben. Die Politik denkt immer noch in Begriffen wie «Leistungen», «Institutionen» oder «ambulanten Leistungserstellern». Über diese Rahmenbedingungen schaffen wir Schubladen und bauen Barrieren auf für diejenigen Menschen, die Unterstützung brauchen. Stattdessen braucht es durchgängige Leistungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Wir sollten kundengerecht genau das anbieten, was diese Menschen brauchen, um selbständig zu leben.

Bei der Valida reden wir nicht von «Leistungen», sondern von «Dienstleistungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf in der ganzen Palette». Beispielsweise beim Wohnen reichen diese Dienstleistungen von einer Betreuung rund um die Uhr (während 365 Tagen) bis hin einer stundenweisen Begleitung in der eigenen Wohnung. Die gesetzlichen Schranken stehen dieser Durchlässigkeit aktuell im Wege.


Sie verfolgen bei der Valida das Ziel, die institutionelle Parallelwelt für Menschen mit einer Beeinträchtigung durchlässiger zu machen. Ist es aktuell nicht eher der Fall, dass die Wirtschaft und der Sozialbereich Parallelwelten darstellen und was ist nötig, dass wir diese näher zusammenbringen?

Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen arbeiten in der Küche der Valida

Wir sprechen hier von einem Paradigma, dass sich diese Welten näherkommen sollten. Am Schluss stellt sich die Frage, wie viele «Bubbles» diese Welt verträgt. Menschen mit Unterstützungsbedarf leben in einer solchen Bubble, das gibt es aber auch in anderen spezialisierten Berufszweigen. Generell sollte man nicht gegen Bubbles reden, sondern sich für die Durchlässigkeit zwischen diesen Welten einsetzen. Ich bin überzeugt, dass wir mehr Durchlässigkeit benötigen und mehr Möglichkeiten schaffen sollten, dass sich diese Welten begegnen. Es wird immer Menschen geben, die auf spezielle Rahmenbedingungen angewiesen sind. Unsere Aufgabe muss es sein, dass wir möglichst viele Austauschmöglichkeiten schaffen, bei denen Kontakte stattfinden, damit sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen treffen und gemeinsame Erlebnisse schaffen.

Ausserdem machen wir entgegen der landläufigen Meinung die Erfahrung, dass wir immer Stellen für Menschen mit Beeinträchtigungen im ersten Arbeitsmarkt finden. Es gibt viele Nischen-Arbeitsplätze und viele Arbeitgeber mit einer hohen Bereitschaft, diese Menschen einzustellen. So banal es klingt: wir müssen einfach mehr miteinander reden.

«Die Menschen bei der Valida haben eine Unmittelbarkeit und Spontanität, welche uns tunlichst abtrainiert wurde.»

Welche Vorhaben sind bei der Valida in den kommenden Jahren bereits in Planung?

Im Arbeitsbereich investieren wir vermehrt in die Thematik des Job-Coachings. Wir sind daran, verstärkt Netzwerke mit Testarbeitgebern aufzubauen und möchten zusätzliche Integrationsarbeitsplätze schaffen. So sind die Menschen zwar bei der Valida angestellt, können jedoch eine Arbeitswoche ausserhalb in einem Betrieb besuchen.

Im Bereich des Wohnens haben wir ebenfalls Zukunftspläne. Aktuell wohnen rund die Hälfte der rund 90 Menschen mit Unterstützungsbedarf im Quartier und werden von zwei Quartierbüros betreut. Am Hauptsitz haben wir ein klassisches Wohnhaus für Menschen mit einem höheren Unterstützungsbedarf oder jene, welche sich eine Betreuung rund um die Uhr wünschen. Dort wohnen auf sechs Stockwerken jeweils 8-9 Personen in Einzelzimmern und teilen sich ein Gemeinschaftsbad. Diese Wohnform entspricht nicht mehr der heutigen Nachfrage. Deshalb sind wir aktuell daran, unsere Wohninfrastruktur zeitgemäss weiterzuentwickeln. Der Ansatzpunkt ist eine Umfrage unter den Bewohnerinnen und Bewohnern wie auch unter den Angehörigen. Auf dieser Basis planen wir in die Zukunft.


Wie sind Sie zu der Valida gekommen und was ist Ihr Antrieb für Ihre Arbeit? Ich habe mich beworben *lacht*. Ich war zuvor 11 Jahre Integrationsdelegierter beim Kanton St. Gallen und auch als stellvertretender Departementssekretär tätig. Vorher arbeitete ich in der Arbeitsintegration in Zürich. Meine innere Motivation ist es, zu einer integrierten Gesellschaft beizutragen, etwas für Menschen mit Unterstützungsbedarf zu tun und mich für die Chancengerechtigkeit einzusetzen.

Da ich wusste, dass ich nicht in der Verwaltung pensioniert werden möchte, habe ich mich umgesehen. Mein Werdegang und meine Anliegen haben dann zur Ausrichtung der Valida und zur Funktion als Geschäftsführer gepasst. Früher war ich in der Verwaltung relativ weit von den Menschen entfernt und habe diese Nähe vermisst. Heute führe ich jeden Morgen bereits beim ersten Kaffee Gespräche mit den Menschen vor Ort. Das ist grossartig!


«Ich weiss jeden Tag, weshalb ich zur Arbeit komme. Das faszinierende ist, was an Lebensenergie, Emotionalität und Entschleunigung zurückkommt.»

Was gibt Ihnen Ihre Arbeit zurück? Ich weiss jeden Tag, weshalb ich zur Arbeit komme. Die Arbeit hat eine grosse Unmittelbarkeit. Als Geschäftsführer bin ich nicht operativ unterwegs, aber ich habe viele Kontakte mit Menschen, welche im unterstützten Bereich wohnen oder arbeiten. Das faszinierende ist, was an Lebensenergie, Emotionalität und Entschleunigung zurückkommt. Ich brauche kein Entschleunigungsseminar für CEO’s *lacht*.

Und das fantastische ist, dass man merkt, welchen Reichtum diese Menschen in ihrer Eigenart für unsere Gesellschaft darstellen – in ihrer speziellen Art auf Dinge zu reagieren, sich auszudrücken, Wünsche zu formulieren, Freude zu zeigen oder Wut auszudrücken. Sie haben eine Unmittelbarkeit und Spontanität, welche uns tunlichst abtrainiert wurde. Und sie strahlen diese aus – das ist eine unglaubliche Energie! Mir ist es ein Anliegen, dies immer wieder zu sagen: dies ist ein Reichtum für unsere Gesellschaft. Jeder Franken, den wir dafür ausgeben, dass sie gut integriert sind und ihr Leben unter allen anderen führen können, ist eine gute Investition.

 



Die Valida ist ein soziales Unternehmen in St. Gallen und begleitet Menschen mit Unterstützungsbedarf in der Ausbildung, bei der Arbeit, beim Wohnen und in der Freizeit. Sie verfügt über 90 Wohnplätze und bietet über 500 Arbeits- und Ausbildungsplätze an. Ausserdem arbeitet die Valida eng mit Unternehmen zusammen, beispielweise für Produktionsaufträge oder in der Vermittlung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen.

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